Physical AI: Regulatorien im Spannungsverhältnis mit Innovationsdynamik

Drei Fragen an Walter Reithmaier, CEO Division Industry & Infrastructure, TÜV SÜD

Wie harmonisiert der TÜV SÜD die Konformitätsbewertung der MVO mit den parallel greifenden Anforderungen des neuen EU AI Acts und des EU Cyber Resilience Acts? Wie sollte ein Geschäftsführer eines Unternehmens am besten vorgehen?

Reithmaier: Für digitale, vernetzte und KI-gestützte Maschinen müssen Maschinenverordnung, EU AI Act und Cyber Resilience Act ganzheitlich betrachtet werden, da sie unterschiedliche Schutzziele adressieren, sich aber inhaltlich überschneiden.

Für Unternehmen bedeutet das, frühzeitig einen risikobasierten und interdisziplinären Ansatz zu wählen und Compliance bereits in der Entwicklungsphase mitzudenken. Dabei gilt es zunächst, relevante Gefährdungen sowie AI- und Cyberrisiken zu identifizieren, geeignete Maßnahmen abzuleiten und diese anschließend mit den regulatorischen Anforderungen sowie den entsprechenden Konformitätsbewertungsverfahren abzugleichen.

Geschäftsführer sollten daher sicherstellen, dass Safety, Security und AI Governance nicht in separaten Organisationseinheiten behandelt werden, sondern in einem integrierten Ansatz zusammengeführt werden. Wer regulatorische Anforderungen frühzeitig berücksichtigt, reduziert Risiken, vermeidet kostspielige Nacharbeiten und beschleunigt den Marktzugang neuer Produkte.

TÜV SÜD unterstützt Hersteller und Betreiber entlang des gesamten Compliance-Prozesses: von der Beratung und fachlichen Begleitung über geeignete Bewertungsverfahren bis hin zum Einsatz digitaler Tools, um einen effizienten und belastbaren Compliance-Nachweis sicherzustellen

Ein lächelnder Mann mit braunen Haaren und kurzem Vollbart trägt ein weißes Hemd, eine gestreifte Krawatte und ein blaues Jackett.
© Walther Reitmaier

Die Konformitätsbewertung dürfte insbesondere für selbstlernende oder KI-basierte Maschinen sehr komplex, wenn nicht gar unmöglich werden, da beispielsweise Humanoide alle möglichen Aufgaben ausführen können. Gibt es dafür eine Lösung?

Reithmaier: Bei selbstlernenden oder KI-basierten Maschinen wird die Konformitätsbewertung anspruchsvoller, bleibt aber beherrschbar. Die bekannten Gefährdungen bestehen weiterhin; neu ist, dass KI sicherheitsrelevante Entscheidungen beeinflussen oder klassische Steuerungssysteme ergänzen kann. Deshalb müssen Inverkehrbringung und Betrieb gemeinsam bewertet werden: Erforderlich sind eine fundierte Risikobeurteilung, geeignete technische Maßnahmen, die Bewertung gegenüber Maschinenverordnung, AI-Act und relevanten Normen sowie eine laufende Überwachung sicherheitsrelevanter Entscheidungen im Betrieb.

Allgemeine Standards und generische Lösungen reichen dafür allein nicht aus. Notwendig sind domänenspezifische Lösungs- und Bewertungsansätze, etwa zur automatisierten und deterministischen Erkennung gefährlicher Situationen. Diese sollten gemeinsam mit Industriepartnern in Pilotprojekten erprobt werden, um daraus tragfähige Standards sowie Zertifizierungs- und Überwachungskonzepte für Inverkehrbringung und Betrieb abzuleiten.

Ich bin überzeugt, dass Regulierung mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten kann. Voraussetzung ist ein enger Austausch zwischen Industrie, Forschung, Behörden und unabhängigen Prüfstellen.

Glauben Sie, dass die bestehenden Regulatorien die Innovationsdynamik im Bereich Physical AI begrenzen und europäische Unternehmen in diesem Zukunftsmarkt behindern? Oder können Standards und Zertifizierungen sogar helfen, neue Technologien schneller zu skalieren?

Reithmaier: Regulierung und Innovation werden häufig als Gegensätze dargestellt. Ich sehe das anders. Gute Regulierung schafft Vertrauen, und Vertrauen ist eine zentrale Voraussetzung für die breite Akzeptanz neuer Technologien.

Daher sollte Regulierung bei Physical AI nicht als Innovationshemmnis verstanden werden, sondern als notwendige Leitplanke, die Sicherheit, Orientierung und kalkulierbare Haftungsrisiken schafft. Gerade weil technologische Entwicklungen den bestehenden Standards häufig vorauslaufen, braucht es einen pragmatischen, risikobasierten Ansatz: Standards und Zertifizierungen geben Unternehmen Orientierung, dürfen aber nicht so starr angewendet werden, dass sie neue Lösungen ausbremsen. Entscheidend ist, die Schutzziele der Regulierung über fundierte Risikobeurteilungen, belastbare Nachweise und geeignete Konformitätsbewertungsverfahren zu erfüllen.

Mehr zur Maschinenverordnung

Die neue Maschinenverordnung tritt in Kraft

 In einem Büro sitzt eine Frau mit Brille an einem Schreibtisch hinter hohen Stapeln von Unterlagen, während im Hintergrund eine weitere Person arbeitet.
Zum Seitenanfang