Konjunkturelle Erholung in Sicht
Die deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle und das schon lange. Das trifft auch die Automatisierungsbranche. Die Roboterinstallationen in Europa sind rückläufig. Dennoch blickten die Aussteller auf der automatica 2025 zuversichtlich in die Zukunft. Mit Recht wie sich jetzt zeigt: Die Konjunktur springt an – endlich.
- Positive Signale für Robotik und Automation
- Mercosur-Freihandelsabkommen stärkt Exportwirtschaft
- Automobilindustrie kommt wieder in Fahrt
- Mobilroboter mit zweistelligem Wachstum
Auch wenn die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das Jahr 2026 nach einer Prognose des DIW mit einem Plus von 1,7 Prozent noch moderat ausfallen soll, scheint nach Jahren der Stagnation die Trendwende geschafft. Dass die Wirtschaft bereits Fahrt aufgenommen hat, zeigt das aktuelle Prognosemodell des Nowcast, das für das vierte Quartal 2025 aktuell von einem unerwarteten Zuwachs des BIP von 0,6 Prozent ausgeht.
Dabei sind in den Konjunkturprognosen die Effekte durch das Mercosur-Abkommen unberücksichtigt. Das im Januar unterzeichnete Freihandelsabkommen zwischen der EU und der südamerikanischen Wirtschaftsorganisation Mercosur, von der die Länder Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay Teil der Vereinbarung sind, soll durch Zollabbau die Handelsbeziehungen intensivieren. Schätzungen zufolge könnten sich mit dem Abkommen die EU-Exporte nach Südamerika um bis zu 39 Prozent steigern lassen. Dies entspräche einem Plus der europäischen Wirtschaftsleistung von annähernd 50 Milliarden Euro.
Automobilindustrie kommt langsam wieder in Fahrt
Neben dem Maschinenbau und der Pharmaindustrie soll hierzulande insbesondere die schwächelnde Automobilindustrie, auf deren Exporte bislang Zölle in Höhe von 35 Prozent anfielen, zu den großen Gewinnern der Freihandelszone zählen. Dieses positive Signal könnte die Stimmung in der Automobilindustrie zusätzlich beflügeln.
Bereits im Dezember 2025 hatte sich der Geschäftsklimaindex in der Branche laut einer ifo Konjunkturumfrage verbessert: Die Unternehmen sehen ihrer Geschäftslage in den kommenden Monaten weniger pessimistisch entgegen. „Einen Lichtblick stellt die Entwicklung bei der Elektromobilität dar. Im Dezember 2025 wurden in Deutschland knapp 55.000 batteriebetriebene Elektrofahrzeuge neu zugelassen. Das entspricht mehr als 22 Prozent aller Pkw-Neuzulassungen. Die Elektromobilität scheint in Deutschland angekommen zu sein“, sagt ifo-Branchenexpertin Anita Wölfl.
Robotik und Automation: positive Signale für 2026
Das Erwachen der Automobilindustrie, die Wirkung der Konjunkturpakete, die Investitionen in die Verteidigung, der Boom im E-Commerz, KI-Offensiven, der weiterhin bestehende Fachkräftemangel – diese und viele weitere Faktoren sprechen für eine Rückkehr auf den obligatorischen Wachstumskurs der europäischen Automatisierungsbranche – ganz so wie es die Aussteller der automatica 2025 bereits prognostiziert hatten.
Die negative Entwicklung im Jahr 2024, in dem die Roboterinstallationen in Europa laut IFR (International Federation of Robotics) um acht Prozent und in Deutschland um fünf Prozent zurückgingen sowie ein weiterer Rückgang der Installationen in 2025 dürften damit der Vergangenheit angehören.
Mobilroboter mit stabilem Wachstum
Das Geschäft mit mobilen Robotersystemen läuft derweil hervorragend. Rund 102.900 Mobilroboter für Transport- und Logistikaufgaben ließen sich laut IFR im Jahr 2024 weltweit absetzen. Das entspricht einem Plus von rund 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Die steigende Nachfrage nach diesen Mobillösungen insbesondere für Intralogistikanwendungen hat mehrere Gründe. Einer davon ist sicherlich das starke Wachstum im Bereich E-Commerce. Der Durchbruch künstlicher Intelligenz und innovativer Navigationstechnologien befeuern den Trend zusätzlich. Dank dieser Technologien können Mobilroboter ihre Fahrstrecken autonom planen und Hindernisse umfahren. Bereits auf der automatica 2025 haben die Hersteller demonstriert, wie sehr KI die Integration von Robotern vereinfacht. Das macht die Sache natürlich auch für kleinere, robotikunerfahrene Unternehmen attraktiv.
Weitere Gründe für die positive Entwicklung des Marktes sind ein stetig wachsendes Mobilroboter-Angebot, der akute Fachkräftemangel sowie die Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit dieser hochproduktiven Lösungen. Diese Einschätzung teilt auch Sascha Schmel, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Fördertechnik und Intralogistik. „Wir sehen eine große Nachfrage nach Automatisierungslösungen mit mobiler Robotik. Gleichzeitig bedeuten diese Projekte auf Kundenseite oft einen erheblichen Investitions- und Kapazitätsaufwand. Die Rahmenbedingungen für Inbetriebnahme und Einsatz zu vereinfachen, ist und bleibt eine Schlüsselaufgabe für Anbieter- und Nachfragerseite.“
Intralogistik-Revolution dank Künstlicher Intelligenz
Ein millionenschweres Projekt der Otto Group, dem mit über 36.00 Beschäftigten größten Online-Händler europäischen Ursprungs, zeigt eindrucksvoll, wie sich Intralogistikabläufe durch intelligente Robotik revolutionieren lassen. In Zusammenarbeit mit NVIDIA und dessen Servicepartner Reply entwickelt Otto einen „Robotic Coordination Layer“. Dieser verbindet die Roboterflotten im realen Lager mit einem digitalen Zwilling – einer exakten virtuellen Abbildung der Logistikzentren.
Der digitale Zwilling visualisiert die Echtzeit-Positionen und -Bewegungen aller Roboter und ermöglicht eine nahtlose, interaktive Steuerung und Verwaltung der Abläufe. So kann die Otto Group verschiedene Robotertypen – wie autonome mobile und stationäre Roboter – deutlich schneller simulieren, trainieren und in Betrieb nehmen. Die KI-Infrastruktur von NVIDIA bildet das Fundament für die Digitalisierung.
„Vor mehr als drei Jahren haben wir begonnen, KI und Robotik in der Logistik einzusetzen. Unsere bisherigen Erfahrungen belegen das enorme Potenzial für mehr Effizienz und besseren Service“, erklärt Kay Schiebur, Konzernvorstand Services der Otto Group. „Mit NVIDIA und Reply heben wir die intelligente Automatisierung nun auf die nächste Stufe. Durch die Partnerschaft schaffen wir die grundlegende Infrastruktur für eine innovative Vernetzung unserer Roboter. Damit sind wir in der Lage, Robotik-Lösungen in den komplexen Intralogistikabläufen schnell zu skalieren und unsere führende Position als verantwortungsbewusstes Unternehmen, insbesondere in Europa, zu stärken.“
Aufkommender Trend: Robotik-as-a-Service
Leuchtturmprojekte dieser Art gehen mit einem enormen Investitions- und Kapazitätsaufwand einher. Im Mittelstand fehlen oft für weitaus überschaubarere Intralogistikprojekte die Mittel. Da kommt RaaS gerade zur rechten Zeit. RaaS (Robotik-as-a-service) ist ein flexibles Abo-Modell für Roboter, das hohe Anfangsinvestitionen sowie eine langfristige Kapitalbindung vermeidet und so insbesondere auch kleinen und mittelständischen Unternehmen den Einstieg in fortschrittliche Automation ermöglicht. RaaS ist auch für die Unternehmen interessant, die sich vorab im Testbetrieb von den Vorteilen der Robotik überzeugen wollen.
Ein weiterer Pluspunkt dieser Lösung ist deren Skalierbarkeit. So lässt sich die Anzahl an Robotern dem aktuellen Bedarf anpassen. Diese Flexibilität macht sich gerade im Saisongeschäft oder bei Unternehmen, die schnell auf Marktänderungen reagieren müssen, bezahlt. Kein Wunder, dass sich RaaS-Angebote einer rasant steigenden Beliebtheit erfreuen und im Jahr 2024 ein Plus von 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen.
Hier entwickelt sich ein vielversprechender Markt und man darf gespannt sein, welche Angebote die Hersteller in nächster Zeit entwickeln werden. Auf der automatica 2027 wird Robotik-as-a-Service seinen Exotenstatus sicherlich hinter sich gelassen haben.
Autor: Ralf Högel für Messe München